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Als Alfons Schilling im November 1961 den Zug nach Basel und Paris nahm
und damit seinen ersten Aufenthalt in Wien abschloß, hatte er bereits
jene Erfindung im Kopf, welche die weitere Entwicklung seiner Arbeit entscheidend
beeinflußte. Es war dies die Idee einer Maschine, die es ihm ermöglichen
sollte, auf einer an der Wand befestigten, rotierenden Bildfläche
zu malen.
Der junge Künstler kommt in eine Zeit der Befreiung und des Aufbruchs nach Österreich. 1955 war die Besatzung durch die Alliierten beendet und das Land befand sich in einer Situation des Wiederaufbaus und der gesellschaftspolitischen Neuordnung. In der bildenden Kunst bestimmte die Auseinandersetzung mit der informellen und tachistischen Malerei die aktuellste Diskussion. Ausstellungen in der Galerie St. Stephan vermittelten Informationen über die Entwicklungen der europäischen Gegenwartskunst. Um die Galerie gruppierten sich einige junge Maler, die eine Gegenposition zu den weitgehend im Figurativen verharrenden spätkubistischen Tendenzen und dem populären Wiener Phantastischen Realismus formulieren konnten. Hollegha, Mikl und Prachensky malten zunehmend lyrisch-gestische Abstraktionen und Arnulf Rainer hatte mit seinen beinahe monochromen Übermalungen eine eigenständige Gestik entwickelt. Am 2. April 1959 zeigte Georges Mathieu im Theater am Fleischmarkt auch in Wien eine seiner öffentlichen Schaumalereien, die allerdings von Schilling nicht gesehen wurde. Dieser kommt erstmals um 1959 durch den Katalog der II. Dokumenta mit den Ergebnissen des amerikanischen Abstrakten Expressionismus, aber auch mit Burri und Vedova in Berührung. Ab Jänner 1960 verbringt er gemeinsam mit Günter Brus mehrere Monate auf Mallorca. Diese von intensiven Diskussionen, Austausch und Ergänzung geprägte gemeinsame Zeit war wie ein Quantensprung in der künstlerischen Entwicklung. In der befreienden Distanz zur hinter sich gelassenen akademischen Ausbildung in Wien stießen die beiden Künstler in für sie neue Möglichkeiten vor. Auf Mallorca trafen sie auch die junge amerikanische Malerin Joan Merrit und hörten von ihr Details über die Maler der “New York School”. Vor der Rückkehr reisten sie noch gemeinsam nach Madrid um den Prado zu besichtigen Nachdem er im Mai 1960 aus Spanien kommend wieder in Wien eingetroffen war mietet er ein Kellerlokal in der Messenhausergasse im 3. Bezirk und beginnt mit der Arbeit an großen Formaten. Die in diesem und im folgenden Jahr enstehenden Bilder sind die ersten vom Künstler selbst akzeptierten Ergebnisse. Es handelt sich dabei um stark gestische Abstraktionen auf direkt an die Wand geheftete großformatige Papiere oder Leinwände. Die größten Bilder dieser Zeit erreichen eine Ausdehnung bis etwa 3 m im Quadrat und überschreiten damit vor allem in den Hochformaten die Reichweite des Körpers. Schilling benützt billige selbstgefertigte Farben die er mit großer Geschwindigkeit auf die weiß grundierte Fläche aufträgt. Die spürbare Geschwindigkeit verweist auf eine zentrifugale, über die Bildfläche hinaus expandierende und überschreitende Dynamik, die jede kompositorische Haltung kritisch zurückzudrängen versucht. Zusammenfassend kann gesagt werden, daß in diesen frühen Wiener Jahren zwischen 1959 und 1961 seine Malerei einen ersten intensiven Prozess der Reaktion auf die noch spärlichen Informationen durchläuft, um in der Folge schnell den konsequenten Weg der Überwindung des gestisch bemalten Bildes zugunsten einer Entmaterialisierung des Kunstwerks einzuschlagen. Schilling bezeichnete dies als “Totale Malerei” und verweist damit auf seine zukünftigen Arbeiten. Der avantgardistisch-romatische Begriff des “Totalen”, wie er hier verwendet wird, ist vor der nunmehrigen Kenntnis der inneren Entwicklung seines Werks als “Ende” zu deuten. So wie in allen wichtigen europäischen Positionen jener Jahre des erneuten Aufbruchs ist auch bei ihm der kritische Widerspruch zur abstrakten Malerei prinzipieller Ausgangspunkt. Schilling spricht von “Unendlichkeit”, formuliert gleichzeitig aber auch:
Weiters schreibt er:
In dieser Zeit trifft er sich beinahe jeden Tag mit Brus. Sie arbeiten intensiv und diskutieren ihre Arbeiten mit denen sie in ähnlicher Weise auf die Herausforderungen der Position Pollocks reagieren und dabei zu ersten noch kaum formulierbaren Ergebnissen kommen, in denen sich zumindest aus heutiger Sicht, die spätere jeweilige Entwicklung erahnen läßt. Ein gemeinsames Interesse war auch die Musik der “2.Wiener Schule”, besonders jene Weberns, aber auch Varese und der frühe Stockhausen. Die analytische Qualität dieser Musik begeistert Schilling und bestärkt ihn in seiner Malerei, die von den rituellen und spirituellen Ansätzen der Abstraktion zu einer strukturellen und analytischen Konkretisierung der Bildprobleme tendiert und damit die weiter fortschreitende Dynamik der endgültigen Ausdehnung über die Bildfläche hinaus vorbereitet. Dazu schreibt Schilling im März 1961:
Die um 1960/61 in den Texten formulierten Gedanken waren allerdings noch zu sehr programmatische Forderungen an die Zukunft, in der Arbeit noch nicht umgesetzt und in den entstehenden Bildern wenn überhaupt dann nur in Spuren zu erkennen. Dies mag auch der Grund für die ambivalenten Reaktionen der Kritiken sein, die zur gemeinsamen Ausstellung von Schilling und Brus im Frühjahr 1961 in der “Galerie Junge Generation” erschienen. Die österreichischen Tageszeitungen spiegeln das von ironischer Hilflosigkeit bis zu Ablehnung reichende Kunstverständnis der Öffentlichkeit. Einzig ein kleiner Artikel in einer Schweizer Zeitung bezeichnet die Ausstellung als “kleine Sensation in Wien” und analysiert die Bilder richtig als eigenständigen Versuch einer Überwindung des Tachismus. 1961 war für Alfons Schilling ein Jahr der Herausforderungen und Entscheidungen. Im Sommer beginnt er mit der Arbeit an einem Bild auf einer runden Scheibe, die sich drehen ließ. Diese einfache Lösung war eine notwendige technische Einführung, da die von ihm angestrebte, sich in alle Richtungen gleichwertig entwickelnde, expansive Malerei durch die statisch an der Wand fixierten Leinwände oder Papiere behindert wurde. Schilling arbeitete nicht auf aufgespannten Leinwänden, da er für seine intensive, fast aggressive Gestik den Widerstand der Wand benötigte. Dafür mußte die Leinwand an der Wand fixiert sein und das Bild konnte daher nicht gedreht werden. Außerdem verwies die Struktur der Arbeit durch die körperlich vorgegebene Begrenzung der Gestik, aber auch beispielsweise durch das vertikale Rinnen der verwendeten Farben, auf ein Oben und Unten des Bildformats. Mit der Idee der drehbaren Bildfläche konnte der Künstler die Problematik zwischen dem Anspruch der grundsätzlich endlosen dezentralen Expansion und seiner Verhinderung durch die fixierte Bildfläche lösen und hatte damit gleichzeitig auch eine ihn fordernde Maschine gefunden. Das Erkennen des Potentials einer solchen Maschine und die Entscheidung für diese Methode ist die grundlegende Geste, durch die der Künstler einen Prozess auslöst, der folgerichtig von der kinästhetischen Position der gestischen Malerei ausgehend in der tatsächlichen Entmaterialisierung endet. Die weitere Entwicklung geht in der Folge weit über das Bildobjekt hinaus und verweist auf das ursächliche Verhältnis von Dynamik und Statik, von Performance und Fläche, von Gestus und Objekt, ja von Raum und Zeit. Zu Jahresende 1961 verläßt Schilling Wien und reist nach
Paris. Über den österreichischen Künstler Bischoffshausen
findet er in einer von Künstlern besiedelten und zum Abbruch vorgesehenen
Hinterhofanlage ein Atelier . Erst mit der ab Dezember in der Rue de la
Glacière unternommenen Arbeit an den drehenden runden Scheiben,
gelingt ihm der Durchbruch zur endgültigen Aufhebung der Malerei.
Das Bild wird zum Objekt und in der Folge zur Zeitmaschine, die es erlaubt
den Raum zwischen Materialität und Immaterialität in Form von
zu Licht werdenden optischen Farben und Formen aufzuzeigen und beliebig
zu durchmessen. Die logische Folgerung aus dieser nun einsetzenden Entwicklung
ist die finale Entmaterialisierung des repräsentativen Kunstobjekts.
Die Suggestion und der von der Maschine eingeforderte Kraft- und Konzentrationseinsatz
verkürzen die Distanz zwischen Künstler und Kunstobjekt beinahe
schockhaft auf ein Minimum und tendieren damit zur Destruktion der üblicherweise
durch Meßeinheiten kontrollierbaren Raum- und Zeitkoordinaten. In
dieser Phase werden nun rückblickend jene Forderungen eingelöst,
die Schilling in den Tagebuchaufzeichnungen der Jahre 1960 und 1961, noch
aus der Position des Malers, theoretisch formuliert hatte und die damals
im Diktum vom “Unhaltbaren” als der “wahren Malerei” gipfelten. Sein
Einsatz ist allerdings ein hoher, denn gleichzeitig mit der reduzierten
Distanz läuft auch ein Auflösungsprozess des subjektiven Selbstverständnisses
ab.
Es gehört aber zum Wesen großer Kunst, daß aus der notwendigen konstruktiven Zerstörung neue Systeme entstehen. In diesem evolutionären Sinne folgt der romantischen Ekstase des Frühwerks von Alfons Schilling jene forschende Skepsis, welche für seine weitere Arbeit zum bestimmenden Wesenszug wird und ihn letztlich zum Schaffenden mit einem neuen idealistischen Selbstverständnis zwischen Künstler und Forscher gemacht hat. Der Basler Jacob Burckhard hat diesen grundlegenden Modus im hegelianischen Sinn so beschrieben: “Was einst Jubel und Jammer war, muß nun Erkenntnis werden.”
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